Favrile-Glas ist die bedeutendste technische Erfindung in der modernen Glaskunst und die Grundlage von Louis Comfort Tiffanys Imperium. Der Begriff wurde 1894 als Marke eingetragen und leitet sich vom altenglischen Wort fabrile ab, was "handgemacht" bedeutet. Die Innovation war Tiffanys Antwort auf die traditionelle Methode, bei der Details und Schattierungen mit Farbe oder Emaille auf das Glas aufgetragen wurden.
Die Alchemie des Favrile-Glases (Malen mit Glas)
Tiffany begann mit dem Experimentieren nach einer Europareise im Jahr 1875, wo er die irisierende Verwitterung antiken römischen und syrischen Glases bewunderte. Sein Ziel war es, eine moderne, hochwertige Glasversion zu schaffen, deren Farbe nicht abblättern oder verblassen konnte.
Herstellung und der irisierende Effekt
Das Glas wurde in seiner Fabrik, den Tiffany Glass Furnaces in Corona, Queens, hergestellt. Die lebendigen, tiefen Farbtöne wurden durch das Mischen verschiedener Glasfarben im geschmolzenen Zustand bei extrem hohen Temperaturen erreicht. Der Schlüssel zur irisierenden Oberfläche war die Zugabe von Metalloxiden (wie Kupfer, Kobalt oder Gold) und das Aussetzen des Glases Dämpfen. Dadurch wurde der Glanz intrinsisch im Material selbst verankert, anstatt einer oberflächlichen Farbe. Dieses Glas zeichnet sich dadurch aus, dass die Farbe tief im Glas eingebettet ist, anstatt darauf gemalt zu werden.
Die Kupferfolienmethode: Die Montagerevolution
Die Fähigkeit von Favrile-Glas, komplexe Krümmungen und Farbschattierungen aufzunehmen, erforderte eine Montagemethode, die über die traditionellen, steifen Bleiprofile hinausging. Dadurch wurde die **Kupferfolienmethode** (Copper Foil Technique) zur zweiten entscheidenden Innovation. Dieser Prozess, der Clara Driscoll und den Tiffany Girls zugeschrieben wird, ermöglichte es dem Studio:
- **Feine, komplexe Formen:** Hunderte kleiner Glasstücke in komplexe, dreidimensionale und organische Formen (wie die Dragonfly-Lampe) zu löten.
- **Stabilität:** Jedes Glasstück wurde mit einem dünnen Kupferfolienstreifen umwickelt und anschließend verlötet, was einen flexibleren und stärkeren Rahmen als Blei bot.
- **Präzision:** Die Methode ermöglichte eine unübertroffene Präzision, die für die naturalistische Art Nouveau-Ästhetik unerlässlich war.
